Interview mit Vecih Yasaner
(Transkription des Telefoninterviews, durchgeführt am 25. Juli 2007)

Interviewer nach der Reihenfolge ihres Auftretens:

Beier, Diana (Studentin)
Hamann, Andrea (Studentin)




Beier: Zunächst hätten wir einmal gerne, dass Sie sich vorstellen. Wir würden jetzt gerne, dass Sie sich kurz vorstellen, mit Namen, wo Sie arbeiten und in welchem Aufgabenbereich im Zusammenhang mit der Bewältigung des Problems des Analphabetismus bzw. der Alphabetisierung von DaZ-Lernern Sie tätig sind.

Yasaner: Mein Name ist Vecih Yasaner. Ich bin in der südtürkischen Stadt Antakya geboren und habe mein Hochschulstudium in Deutschland absolviert. Ich habe an der Johann- Wolfgang-Goethe Universität in Frankfurt Germanistik und Pädagogik mit Magister studiert. Ich habe im Jahre 1980 schon als Student angefangen, im Bereich Deutsch als Fremdsprache und im Bereich Alphabetisierung für MigrantInnen zu unterrichten und schon da habe ich meine Vorliebe für diesen Bereich entdeckt. Seitdem arbeite ich kontinuierlich in diesen Bereichen. Zuletzt habe ich die Funktion hier an der Volkshochschule Frankfurt als pädagogischer Mitarbeiter, hauptamtlich tätig in dem Bereich Deutsch als Fremdsprache. Da bin ich unter anderem auch zuständig für die Kurse Alphabetisierung von Migrantinnen und Migranten. Ich bin im Bundesvorstand des Bundesverbandes Alphabetisierung und Grundbildung e. V. seit 2 Jahren und betreue auch dort den Bereich Alphabetisierung von Migrantinnen und Migranten. Und neuerdings bin ich in der Arbeitsgruppe Alphabetisierung beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Dort geht es um das neue Konzept für einen bundesweiten Integrationskurs mit Alphabetisierung von A. Feldmeier, die Begleitung dieses Konzeptes und darum, zu schauen, wie wir die Umsetzung dieses Konzeptes unterstützen können.

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Beier: Danke schön. Zunächst möchten wir Ihnen ein paar Fragen zur Volkshochschule allgemein stellen. Und zwar, welchen Bildungsauftrag im Hinblick auf die Alphabetisierung von DaZ- Lernern sieht die Volkshochschule für sich; bietet sie ausschließlich Alphabetisierungskurse an oder leistet sie auch Aufklärungsarbeit für AnalphabetInnen?

Yasaner: Die Volkshochschule sieht diese Aufgabe als eine sehr wichtige und von der Priorität her auch sehr hoch angesiedelte Aufgabe an. Entsprechend haben wir Ressourcen zur Verfügung gestellt, sowohl personell als auch räumlich und finanziell, und sind, glaube ich, hier behaupten zu können, bundesweit eine der führenden Institutionen in der Alphabetisierungsarbeit, was Kontinuität, Quantität und Qualität betrifft. Wir haben ein sehr ausdifferenziertes Angebot an Alphakursen. Die Alphabetisierung bei uns hat eine sehr lange Tradition. Wir haben schon seit Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre Alphabetisierungskurse und wir haben sie kontinuierlich ausgebaut. Inzwischen haben wir die Stufen 1 bis 6 total ausdifferenziert und Fortsetzungsmöglichkeiten und Quereinsteigermöglichkeiten geschaffen. Dazu bieten wir eine kontinuierliche Beratung an. Unsere Alphaberatungszeiten sind bekannt, Ämter und Betriebe, Institutionen und Vereine schicken uns Teilnehmer, sie rufen bei uns an oder sie schreiben uns. Mit Ämtern, Institutionen und Vereinen kooperieren wir gerne, um an die Leute heranzukommen. Das ist eine der Aufgaben der Volkshochschule, die sie, denke ich, sehr gut erfüllt.

Beier: Und wieviel Prozent der angebotenen Alphabetisierungskurse für DaZ-Lerner werden von der Volkhochschule angeboten? Falls sie nicht von der Volkshochschule angeboten werden, welche Institution hat den größten Anteil an den Alphabetisierungskursen?

Yasaner: Die Volkshochschule Frankfurt bietet halbjährlich 30 Kurse an, das sind 60 Kurse im Jahr mit mehr als 500 Buchungen. Ich glaube, es gibt in Frankfurt keine andere Institution, die mit der Volkshochschule konkurrieren kann. Es gibt zwar andere Träger, die Alphabetisierungskurse anbieten, doch bei weitem nicht so ausdifferenziert und schon gar nicht in diesem Umfang.

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Beier: Und welche aktuellen Zahlen gibt es bezüglich des tatsächlichen Bedarfs oder Angebots von Alphabetisierungskursen für DaZ -Lerner deutschlandweit?

Yasaner: Da kann man natürlich keine aussagekräftigen Zahlen nennen, weil man keine Erhebungen bisher gemacht hat. Es gibt keine Instrumente, die das feststellen. Ich selber gehe davon aus, dass unter den Migranten so 10 bis 15 Prozent Bedarf haben, dass sie nicht ausreichend lesen und schreiben können; wenn man von diesen Zahlen ausgeht, dann können Sie ausrechnen, wie viele Ausländer so einen Bedarf haben. Aber das ist, wie gesagt, nur eine Schätzung.

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Beier: Und nun möchten wir gerne ein paar Fragen zum Bundesverband für Alphabetisierung stellen. Welche Information kann ein Analphabet/eine Analphabetin mit Migrationshintergrund bei Ihnen erhalten? Und was sind die Aufgaben und Angebote des Bundesverbandes im Hinblick auf diese Zielgruppe?

Yasaner: Also, was die Migranten bei uns im Bundesverband erhalten können, ist zum Beispiel, dass wir sie über örtliche Begebenheiten informieren, dass wir ihnen Namen und Adressen geben, wo sie einen entsprechenden Alphabetisierungskurs besuchen können, welche Ansprechpartner es gibt und wie sie dahin kommen. Wir sind ja bundesweit aktiv, weil wir überall Kontakte haben und wir wollen gerne den Kontakt zwischen den Trägern und den Teilnehmern herstellen. Wir selber als Bundesverband bieten keine Kurse an. Wir versuchen nur, in dem Bereich zu vermitteln. Die Ziele des Bundesverbandes sind ja klar definiert. Das sind einmal die Förderung des Lesens und Schreibens in der Erwachsenenbildung, ganz klar, dann die Unterstützung der Personen und natürlich auch der Institutionen, die in diesem Bereich arbeiten, vor allem im Bereich der Alphabetisierung, unter anderem Informationen über z.B. bildungspolitische Interessenvertretungen, Fortbildungen und so weiter. Und natürlich Lobbyarbeit für Lese- und Schreibunkundige. Ein weiteres Ziel ist die Öffentlichkeitsarbeit. Zu dem Angebot: Wir bieten zum Beispiel für jugendliche und erwachsene Leseanfänger, die selbst das Lesen und Schreiben erlernen wollen, Unterrichtsmaterialien zum Lesen und Schreiben an oder helfen bei der Vermittlung von Referentinnen oder Referenten für Vorträge; da gibt es das Alphaforum, da gibt es den Alphashop, wo man Unterrichtsmaterialien beziehen kann.

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Beier: Wie bewerten Sie in diesem Zusammenhang die Zusammenarbeit mit anderen Institutionen, wie z.B. mit dem BAMF bzw. deren Unterstützung?

Yasaner: Der Bundesverband arbeitet gern mit allen Institutionen, vor allem auch mit dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge zusammen. Ich bin ja für den Bundesverband auch tätig in dieser Arbeitsgruppe Alphabetisierung. Also, wir arbeiten sehr gerne zusammen und wir schätzen diese Arbeit. Ich denke wir profitieren vom Bundesamt und das Bundesamt von uns.

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Beier: Jetzt hätten wir noch ein paar Fragen zu Ihren eigenen Erfahrungen.

Auf welche Probleme sind Sie im Alltag mit dem Thema Analphabetismus bzw. Alphabetisierung von DaZ- Lernern gestoßen? Welche möglichen Probleme ergeben sich im Bezug auf die KursteilnehmerInnen, zum Beispiel in religiöser Hinsicht?

Yasaner: Im Bereich der Alphabetisierung ist die Arbeit sehr schwierig. Es ist nicht so einfach! Man muss kleinschrittig arbeiten und man muss mit Erfolgen, die man erreicht, sehr zurückhaltend sein. Man muss sehr langen Atem haben und man muss natürlich auch gucken, dass man mit der Arbeit vorankommt. Wir haben in der Vergangenheit unsere Beratungsarbeit etabliert für die Analphabeten und versuchen über Ämter, Jobcenters, über Institutionen, über Vereine, über Personen, die wir kennen, immer wieder an die einzelnen Analphabeten heranzukommen und sie dann bei uns irgendwie in den Kursen zu haben, damit sie lernen können. Die Schwierigkeiten tauchen in der Regel vor und während des Unterrichts auf, zum Beispiel wenn man nicht genügend Zeit hat. Das sind zum Teil Frauen, die Kinder haben, die familiäre Verpflichtungen haben, die nicht lerngewohnt sind; sie müssen auf einmal in die Schule gehen, die kriegen die Kurve nicht hin. Das ist einfach schwierig, auf Dauer und kontinuierlich einen Kurs von 600 Unterrichtsstunden, also sechs Kursmodule hintereinander zu besuchen, wenn man zuvor noch nie in die Schule gegangen war.

Es ist für viele Männer schwierig, zuzugeben, dass sie Analphabeten sind, zu sagen „OK ich gebe zu, ich kann nicht lesen und schreiben. Ich will es aber lernen“. Sie verstecken das! Und bis es dann rauskommt, dauert es ewig. Das sind die Schwierigkeiten im Alltag. Es gibt noch ein weiteres Problem mit den Behörden, weil die Leute nicht die Finanzierung des Kurses übernehmen können, müssen sie dann mit den Ämtern sprechen.

Beier: Gut. Ich möchte mich jetzt erstmal noch bei Ihnen bedanken. Ich gebe nämlich jetzt weiter an meine Kollegin Andrea. Sie wird Ihnen jetzt ein paar weitere Fragen in Bezug auf Alphabetisierung stellen.

Yasaner: Ja, danke schön. 

Hamann: Hallo, mein Name ist, wie gesagt, Andrea Hamann. Und ich stelle Ihnen jetzt einfach noch ein paar Fragen zu den Alphabetisierungskursen und noch einmal zu den Teilnehmern und Teilnehmerinnen.

Zu den Kursen: Wer darf Alphabetisierungskurse anbieten? Welche Schulen, Initiativen, etc.? Gibt es da einen Kriterienkatalog?

Yasaner: Nein, es gibt keinen Kriterienkatalog, wer unterrichten darf und wer nicht. Bei den Alphabetisierungskursen geht es in erster Linie um soziale Aufgaben, die im öffentlichen Auftrag erledigt werden. Man muss zwar wirtschaftlich arbeiten, der Kostendeckungsbeitrag ist gering, also kein lukratives Geschäft. Die meisten Alphakursträger sind städtische Schulen oder von der Stadt geförderte Vereine. Es gibt natürlich auch hier bei uns in Frankfurt die Möglichkeit, durch das Amt für multikulturelle Angelegenheiten an die Teilnehmer heranzukommen. Sie finden die Leute in Gesprächen heraus, versorgen sie mit Informationen über die Alphabetisierungskurse und kümmern sich gegebenenfalls um die Finanzierung.

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Hamann: Ich dachte da eher so an Zugangsberechtigungen, also wer das anbieten darf. Muss man da vielleicht als Institution oder als Schule erstmal so eine Art Rahmenplan ans BAMF schicken?

Yasaner: Wenn Sie jetzt die Integrationskurse meinen, das ist etwas anderes. Da gibt es natürlich für die Träger Anträge, die man beim Bundesamt stellen kann. Und viele haben den Antrag auch gestellt und haben die Zulassung bekommen, Integrationskurse durchzuführen.

Hamann: Okay.

Yasaner: Ja, ja. Dann ist das missverständlich gewesen. Alphabetisierungskurse kann natürlich auch jede Institution anbieten, die die Genehmigung dazu vom Bundesamt erhalten hat.

Hamann: Genau. Und Vereine und ähnliches?

Yasaner: Ja.

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Hamann: Gut, meine nächste Frage. Für die Integrationskurse mit Alphabetisierung sind vom Bundesamt für Migration insgesamt 630 Stunden vorgesehen. Finden Sie die geplante Stundenzahl ausreichend?

Yasaner: Nein. Definitiv nicht. Aus unserer Erfahrung braucht man mehr Unterrichtsstunden, um angemessen lesen und schreiben zu können. Das ist auch schon in dieser Ramboll-Studie herausgekommen, die ja vom Bundesamt selbst beauftragt wurde zu evaluieren. Und bei dieser Evaluation kam es heraus, dass die 630 Stunden nicht ausreichend sind und der Vorschlag von der Ramboll-Studie sind 900 Unterrichtseinheiten. Und ich denke, in 900 Stunden kann man das schon bewältigen.

Hamann: Und wissen Sie auch zufällig, warum man sich auf die 630 Stunden trotz diesen Ergebnissen der Evaluation festgelegt hat?

Yasaner: Ich habe das Gefühl, dass die Alphabetisierungskurse zunächst nicht so sehr wahrgenommen worden sind vom Bundesamt; eher so im Nachhinein sind sie darauf gekommen. Allerdings war in der Verordnung ein Vermerk, dass es dann kommen soll und deshalb wollen sie dem nun mit diesem neuen Konzept Rechnung tragen. Aber die 630 Stunden sind dem angepasst, was schon in dem normalen Integrationskurs vorgesehen war.

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Hamann: Gut. Welche Kontrollinstanzen zur Qualitätssicherung gibt es denn hinsichtlich der Kurse, der Kursinhalte bzw. der Lehrpersonen? Wer ist denn dafür zuständig?

Yasaner: Wir selbst führen Qualitätskontrollen durch. Und wir haben mehrere Instrumente im Bereich der Qualitätssicherung unseres eigenen Betriebes als Volkshochschule entwickelt. Wir haben zum Beispiel einen Kursbericht und Teilnehmerbefragungsbögen entwickelt. Wir haben Anwesenheitslisten erstellt, um am Ende des Kurses herauszufinden, wie der Verlauf gewesen ist, mit welchem Erfolg der Kurs abgeschlossen wurde; und diese Zielvorgabe ist ja auch in der Planung schon vorgegeben. Auch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge hat durch die Regionalkoordination die Möglichkeit, jederzeit die Kurse zu prüfen, vorbeizukommen, zu schauen. Und am Ende eines jeden Integrationskurses ist eine Prüfung vorgesehen, die als Messlatte für die erreichten Erfolge gilt.

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Hamann: Gibt es bestimmte Ansprüche an die Kursleiter und Kursleiterinnen von Alphabetisierungskursen für DaZ- Lerner? Müssen diese zum Beispiel ein gesondertes Zertifikat vorweisen?

Yasaner: Alle Kursleiterinnen und Kursleiter, also alle Lehrkräfte in den Integrationskursen müssen einen entsprechenden Nachweis erbringen. Es gibt nur Kursleiterinnen und Kursleiter, die ein Deutsch-als-Fremdsprache-Studium absolviert haben, die davon befreit sind. Ansonsten müssen sie entweder eine verkürzte oder eine lange Kursleiterqualifikation machen, die es ihnen ermöglicht, in diesen Kursen zu unterrichten. Die verkürzte Version der KL-Qualifikation ist dann 70 Unterrichtsstunden und die längere Version 140 Stunden. Und es gibt einige Träger in Hessen, die diese Zusatzqualifikation anbieten. Das Bundesamt übernimmt allerdings die Kosten. Einige. Aber wenn die Kursleiter diese Zusatzqualifikation nicht haben, dann können sie nicht in den Integrationskursen unterrichten, es sei denn, sie haben einen Ausnahmeantrag gestellt. Bis 2009 ist es mit Ausnahmegenehmigung möglich, zu unterrichten. Ab 31.12. 2009 kann kein einziger Kursleiter, nach den jetzigen Bestimmungen, mehr in den Kursen unterrichten, wenn er die Zusatzqualifikation in entsprechender Version nicht absolviert hat.

Hamann: Aha. Also Sie meinen jetzt zum Beispiel eine Zusatzqualifikation, um Alphabetisierungskurse zu leiten.

Yasaner: Ja.

Hamann: Gilt das dann auch für die Deutsch-als-Fremdsprache-Absolventen?

Yasaner: Nein, wer Deutsch als Fremdsprache studiert hat, der darf unterrichten. Wer im Bereich Deutsch als Fremdsprache unterrichten will und kein DaF Studium absolviert hat, der muss die Zusatzqualifikation nachweisen. Für die Alphabetisierungskurse ist bisher noch kein entsprechendes Curriculum für die Kursleiterqualifizierung entwickelt worden. Das fehlt noch. Aber ich bin guter Dinge und glaube, dass das noch kommen wird. Bei der angebotenen Kursleiterqualifikation für den allgemeinen Integrationskurs spielt die Alphabetisierung nur eine geringfügige Rolle. Deshalb soll es schon eine ausführlichere Version für die Alphabetisierungskursleiterinnen und -kursleiter geben.

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Hamann: Gut. Ab dem 01.07. diesen Jahres ist ja das vorläufige Konzept für die Integrationskurse mit Alphabetisierung für die vom Bundesamt für Migration geförderten Kurse als neues Curriculum bindend, von Herrn Alexis Feldmeier, was Sie vorhin schon angesprochen haben. Wie wird denn die Einführung des Curriculums ablaufen? Gibt es da spezielle Lehrgänge, in welchen die Kursleiter zum Beispiel mit dem Konzept vertraut gemacht werden? Wie läuft das ab?

Yasaner: Also, wir machen das so: Wir stellen das Konzept zum Beispiel den Kursleiterinnen in den Integrationskursen mit Alphabetisierung zur Verfügung. Sie haben es gelesen. Wir haben dann darüber gesprochen. Aber da gibt es mehrere Schwierigkeiten. Sie sagen, die 630 Stunden reichen erstmal nicht aus, um zum Beispiel die vorgegebenen Ziele zu erreichen. Es gibt Diskussionsbedarf. Aber wir müssen uns erstmal daran halten. Ab 20. August 2007 starten die ersten Alphabetisierungskurse nach dem neuen Konzept, also nach den Ferien, die wir in Hessen haben. Auch die Unterrichtsstunden haben wir entsprechend angepasst: 12 Unterrichtsstunden in der Woche.

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Hamann: Dann habe ich jetzt noch ein paar Fragen zu den Teilnehmern oder Teilnehmerinnen.  Und zwar, welche Aufnahmekriterien gibt es für die DaZ- Analphabeten, um an einem entsprechenden Kurs teilzunehmen? Gibt es Tests zur Identifizierung bzw. zur Einstufung einer Person als Analphabet?

Yasaner: Ja. Wir bieten eine Beratung an. Sie findet immer Mittwochnachmittag statt; in dieser Mittwochsberatung werden die Teilnehmer je nach Kenntnisstand in die entsprechenden Alpha-Kurse eingestuft. Das dauert in der Regel so 10 bis 15 Minuten. Das ist kein Test, sondern ein Gespräch. Also, es wird nicht viel geschrieben, es sei denn, die Teilnehmer können schon ein bisschen schreiben. Aber regulär ist es ein Gespräch, ein Leitfaden und mit entsprechenden Fragen zur Person, zur Lernbiographie etc.. Zum Beispiel Teilnehmer, die Primäranalphabet sind, die wirklich von Grund auf nicht lesen und schreiben können und auch keine Lernerfahrung haben, kommen zusammen in eine Stufe. Die Kurse sind bei uns sehr heterogen. Es gibt keine Frauenkurse, Männerkurse usw., sondern wir haben geschlechtergemischte Kurse. Wir haben Kurse für Teilnehmer, die schon mal das Lesen und Schreiben gelernt haben, diese Fähigkeit jedoch im Laufe der Zeit verlernt haben, also für die so genannten funktionalen Analphabeten. Für Zweitschriftlerner, also für Leute, die aus dem arabischen oder aus dem asiatischen Raum kommen, bieten wir ebenfalls Kurse an. Diese Teilnehmergruppe ist in der Regel fit und lernt die lateinische Schrift ziemlich schnell.

Hamann: Gibt es denn seitens der staatlichen Institutionen Regelungen hinsichtlich einer bedarfsgerechten Weiterleitung in die entsprechenden Kurse? Man hat ja schon gehört, dass in vielen Integrationskursen auch Analphabeten aufgenommen werden, obwohl sie da völlig am falschen Platz sind.

Yasaner: Also wir haben die hier nicht, wir haben Teilnehmer in den Alphabetisierungskursen, die wir natürlich weiterleiten in die allgemeinen Integrationskurse Deutsch als Fremdsprache mit langsamem Lerntempo. Wir haben unser DaF-Angebot ausdifferenziert; wir haben Kurse mit langsamem Lerntempo und wir haben Kurse mit durchschnittlichem Lerntempo. Die DaF- Kurse mit durchschnittlichem Lerntempo kommen mit 630 Stunden zum Niveau B1 des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens. Die Teilnehmer mit langsamem Lerntempo kommen mit 630 Stunden zum Niveau A2 des GeR. Die zu Alphabetisierenden kommen bis zum Niveau A1 des GeR. Manche von ihnen sind wirklich fit. Sie haben „Stifterfahrung“, hatten schon mal eine Schule besucht und können schneller lernen als andere, sie kommen z. B. mit 630 Stunden schon in den Bereich der Kurse mit langsamem Lerntempo hinein. Also dieser Übergang ist möglich.

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Hamann: Jetzt noch eine allgemeine Frage. Wer hat denn dabei Anspruch auf staatliche Förderung? Welche Möglichkeiten der Förderungen gibt es?

Yasaner: Jeder neu Zugewanderte hat einen Anspruch auf einen Integrationskurs nach seinem Wissen und Können. Auch jeder, der bereits in der Bundesrepublik wohnt, bekommt auf Antrag beim Bundesamt (Regionalstelle) einen Berechtigungsschein. Die Teilnehmer melden sich mit ihrem Schein bei den zugelassenen Trägern, um ihren Integrationskurs zu absolvieren. Anspruch hat, wie gesagt, jeder, der auf Dauer in Deutschland lebt.

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Hamann:  Und gibt es auch eine Pflicht zur Alphabetisierung? Für welche Gruppen träfe dies eventuell zu?

Yasaner: Es gibt bei der Ausstellung des Integrationsscheines die Möglichkeit, entweder einen Berechtigungsschein, oder einen Verpflichtungsschein zu bekommen. Das wird direkt vom Bundesamt oder von der Ausländerbehörde ausgestellt. Wer so eine Verpflichtung erhält, der muss den Kurs machen.

Hamann: Und das wird dann individuell entschieden?

Yasaner: Ja, individuell entschieden.

Hamann: Welche Konsequenzen erwartet denn diejenigen, die sich weigern, an solch einem Kurs teilzunehmen, die quasi verpflichtet wurden?

Yasaner: Das ist eine Frage, die ich jetzt nicht beantworten kann, weil das Ganze ja noch neu ist und wir noch wenig Erfahrung damit haben. Es gibt sicherlich Kursabbrecher, aus welchen Gründen auch immer. Ob die Gründe dann akzeptiert werden, warum man einen Kurs abgebrochen hat oder nicht und was dann folgt, ist mir nicht bekannt. Ich kann mir nur vorstellen, dass da aufenthaltsrechtliche Fragen auftauchen könnten. Aber wenn man zum Beispiel mit einem Deutschen verheiratet ist oder wenn man hier in der Familienzusammenführung nach Deutschland gekommen ist und eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis hat, weiß ich nicht, welche Maßnahmen da noch greifen könnten. Aber es heißt ja, dass da mit Konsequenzen zu rechnen ist, wenn der Kurs nicht abgeschlossen wurde bzw. abgeschlossen wird.

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Hamann: Gut, und jetzt meine abschließende Frage. Wie schätzen Sie denn die Forschungslage zum Themenbereich Alphabetisierung ein, also die aktuelle? Wo besteht denn Ihrer Meinung nach noch aktuell ein Forschungsbedarf?

Yasaner: Also, ich möchte sagen, dass in diesem Bereich wenig bis gar nicht geforscht wird. Das Thema liegt brach und wird in der Wissenschaft sehr stiefmütterlich behandelt. Alphabetisierung ist ein Thema, was in einem Industriestaat wie in Deutschland keine großartige Rolle spielt. Bei den Migranten allerdings geht man schon davon aus, dass es unter ihnen Analphabeten gibt; bei den Deutschen ist man etwas vorsichtiger. Ich möchte sagen, es sind nur ganz wenige Hochschulen, die sich diesem Thema angenommen haben. Es gibt wenige Fachleute in diesem Bereich, die entsprechende Reputationen haben. Wer hat denn heute im Bereich Alphabetisierung promoviert? Bundesweit gibt es nur eine Handvoll hochqualifizierte Fachleute. Das ist viel zu wenig. Und was kann man da erforschen: Man kann zum Beispiel erforschen, welche Gründe der Analphabetismus hat. Warum wird man Analphabet? Was hat Armut zum Beispiel mit Analphabetismus zu tun? Was bedeutet absolute Armut – ist es derjenige, der kein Geld hat oder derjenige, der nicht lesen und schreiben kann? Das sind nämlich Fragen, die erforscht werden können. Wie kommt man zurecht in der Gesellschaft? Was bedeutet es auch für das Leben des Einzelnen, wenn ich mir vorstelle, dass bei einer Brandkatastrophe ein Analphabet den Ausgang nicht findet, weil er nicht lesen kann? Er wird die Hinweise auf Schildern ebenfalls nicht umsetzen können, weil auch sie ihm fremd sind. Also mit Piktogrammen usw. kann er nicht umgehen. Ein Analphabet ist oft nicht in der Lage, sich im Leben zurecht zu finden.

Hamann: Das stimmt. Dann danke ich Ihnen für das sehr interessante Gespräch.

Yasaner: Bitte schön.