Die Lautiermethode
(von Johanna Klages)

1. Einführung

Die Lautiermethode ist eine der ältesten Methoden zum Schriftspracherwerb, die neben der Buchstabiermethode als synthetische Methode zu verstehen ist.
Schon im 16. Jahrhundert übte Valentin Ickelsamer am Gedächtnisdrill und blinden Nachahmungslernen der Buchstabiermethode1 Kritik (s. Gümbel 1992:190). Er entwickelte daraufhin eine Lautbildungslehre, in der er auf den Zusammenhang zwischen Buchstaben und Lauten hinweist. Auf ihr baut er seine Leselehrmethode auf, die auch die Selbständigkeit der LernerInnen betont.
Die verschiedenen Ausprägungen der Lautiermethode beziehen sich alle auf den ersten Schritt des Schriftspracherwerbs: die Kenntnis der Buchstaben und deren Lautung. Es geht  darum, dass die LernerInnen sich die Form der Buchstaben einprägen und diese mit der entsprechenden Lautung verbinden.

2. Design der Methode

Das Umsetzen der Sprache aus Lauten in Schrift bereitet bei unserer Buchstabenschrift Schwierigkeiten, weil das Deutsche nicht lauttreu verschriftlicht wird, sondern relativ komplexe Graphem-Phonem-Korrespondenzen aufweist. Zum Beispiel werden die Laute /ks/
in „sechs“, „Keks“, „fix“ oder /f/ in  „Philipp“, „Vater“ und „Fisch“ jeweils mit verschiedenen Graphemen wiedergegeben. Wir kennen im Deutschen umgekehrt für ein und dasselbe Graphem verschiedene Aussprachemöglichkeiten, wie z.B. für „ch“ in den Wörtern „wichtig“, „Christine“, „Bach“ oder für das Graphem „v“ in „Vogel“ und „Vase“.
Daraus ergeben sich für LernerInnen, denen die Funktion der Einzellaute zu Beginn des Lernprozesses noch nicht verständlich ist, unterschiedlichste Schwierigkeiten bei ersten Schreibversuchen.
Probleme treten zusätzlich beim Lesen auf, da auch bei der Textrezeption keineswegs eine deckungsgleiche Zuordnung von Graphem und Phonem erfolgt.

Die Lautiermethode stellt das Erlernen der Buchstaben mit ihrem Lautwert an den Anfang des Schriftspracherwerbs. Nach Gümbel (1992: 206f.) unterscheidet man, um Einzellaute zu vermitteln, die Sinnlaut-, Anlaut-, Interjektions- und Lautbildmethode, die man zu der Lautiermethode zählen kann. Das Gemeinsame all dieser methodischen Variationsformen ist das Bemühen, dem bedeutungslosen Einzellaut eine semantische Bedeutung zuzuweisen.
Beim Sinnlautverfahren wird jedes Phonem durch eine den LernerInnen vertraute Situation eingeführt, in der sie den zu erlernenden Laut besonders deutlich wiederzugeben glauben. Beispielsweise: Der Hahn kräht „i“, die Kuh muht „u“, der Wind für „S“, Dampflock für „sch“. Können die Laute auf menschliche Äußerungen bezogen werden, wie beispielsweise “m“, wenn etwas gut schmeckt oder „a“ für Staunen und Erschrecken, dann nennt man das Verfahren Interjektionsmethode ( s. Heuß 1993:66).
Die Anlautmethode stellt für jeden Laut ein Merkwort und ein entsprechendes Bild als Gedächtnisstütze, um den Laut besser zu behalten ( z.B. Esel für <e>) (Schenk 2002:80).

Bei Synthetischen Verfahren führt der Weg von der kleinsten Einheit zur immer größeren und richtet sich an bestimmten Zielen aus. Sie lassen sich verallgemeinernd gesehen in drei Sequenzen gliedern (s. Heuß 1993:134ff.):

  1. die Vermittlung der Phoneme und der entsprechenden Grapheme
  2. die Zusammensetzung der Grapheme zu Wörtern
  3. das Zusammensetzen der Wörter zu Sätzen

Die erste Lernsequenz dient dazu, Graphem-Phonem-Korrespondenzen aufzubauen, und zwar für alle Groß- und Kleinbuchstaben des lateinischen Alphabets. Dabei lernt die LernerIn einen einzigen Lautwert für die entsprechenden Zeichen kennen. Lautvariationen, die sich für ein bestimmtes Zeichen je nach dessen Stellung innerhalb eines Wortes ergeben, werden erst beim Zusammenlesen von einzelnen Zeichen zu Wörtern berücksichtigt. Auf dieser Stufe wird auch die Einsicht geweckt, dass das Lesen der lateinischen Schrift die Kenntnis der entsprechenden Buchstaben voraussetzt.

Die zweite Lernsequenz zielt auf die Synthese der gelernten Schriftzeichen, auf die Lautverschmelzung. Alle heute noch praktizierten Lautierverfahren verzichten dabei vermutlich auf das Zusammenfügen sinnloser Zeichenfolgen. Von Anfang an können bei einer entsprechenden Abfolge der gelernten Zeichen sinnvolle Wörter gelesen werden, wie beispielsweise: da, in, am, um oder auf. Um eine Überforderung der LeseanfängerInnen zu vermeiden, führt der Weg von kurzen zu immer umfangreicheren Zeichenkombinationen.
Das Ziel dieser Stufe ist das Erlesen eines Textes mit Hilfe der gelernten Zeichen. Hier befindet sich das Hauptproblem des lautsynthetischen Verfahrens: Die Fähigkeit, die Laute des geschriebenen Wortes lesend zu verbinden ( Schenk 2002:81).

Als dritte Lernsequenz ergibt sich konsequent das Zusammenlesen einzelner Wörter zu Sätzen. Als Ziele dieses Lernschrittes gelten die Vervollkommnung der Lesetechnik, das heißt die richtige Betonung beim klanggestaltenden Lesen und auch die Sinnfindung beim stillen Lesen. Der Lerner soll in der Lage sein, selbstständig zu lesen.

3. Unterrichtsbeispiel

Als Hinführung zur Gewinnung eines neuen Lautes kann man Geschichten erfinden, damit der Unterricht lebensnah verläuft. Heuß (1993:67) illustriert dies an folgender Lautbildgeschichte zur Einführung des Buchstaben „E“ nach Pöschel (1949).
„Elli hilft beim Fensterputzen, sie lässt den ausgehängten Fensterflügel fallen, so daß dieser zerbricht. Elli weint daraufhin „..eh, eh, eh...(...) er ( der Fensterflügel) fiel so unglücklich auf den Boden, dass nicht nur das Glas, sondern auch der hölzerne Fensterrahmen teilweise zerbrochen war; der ganze rechte Rahmenteil war herausgebrochen und auch von der schmalen Querleiste in der Mitte fehlte ein kleines Stück..“( Heuß 1993:67)

Die bis ins Detail gehende Erzählung lässt die LernerInnen mit Elli „eh, eh..“ weinen und vom Lehrer aufgefordert den Fensterrahmen vorerst groß und unzerbrochen zeichnen.
Durch das anschließende Wegradieren des rechten Rahmens und durch das Verkürzen des mittleren entsteht das große <E>.

4. Kritik

Vorteil des Lautierverfahrens ist, dass es direkt zum Verständnis des Lautschriftprinzips hinführt. Ein Alphabetisierungslehrgang ist bis in Detail durchgegliedert, systematisch und straff steuerbar.
Die Lesetechnik wird jedoch auf Kosten des Sinnverständnisses überbetont. Als weiterer Nachteil der Lautiermethode lässt sich anführen, dass die LernerInnen bei zu lebhaften Einführungsgeschichten später Schwierigkeiten haben werden, die einzelnen Laute zusammenzulesen. Der gesamte „farbige Erlebnishintergrund“ (Heuß 1993:68) kann wesentlich das sinnerfassende Lesen der Wörter stören. Soll von einer LernerIn zum Beispiel das Wort „Hase“ gelesen werden, so können die Buchstaben zunächst folgende Vorstellungskomplexe wecken: <H> haucht der Hund, wenn er schnell läuft, <a> ruft die Mutter, wenn sie an den Maiglöckchen riecht, <s> summt die Biene an der Blume, <e> ruft der Fuhrmann dem durchgehenden Esel zu. Die Vielfalt von Vorstellungen lässt den eigentlichen Sinn des Wortes Hase nicht oder nur schwer aufkommen(s. Heuß 1993:68).
Die LernerInnen müssen über das bloße Erkennen der Buchstaben hinaus kommen, um so zur Sinnentnahme der Texte vorzudringen.
Schwierigkeiten können weiterhin auftauchen, wenn man Laute behandelt, die in der Muttersprache der LernerInnen nicht vorkommen. Auch lassen sich nicht alle Lautwerte  durch eine geeignete Situation  darstellen. Ein weiterer Nachteil ist, dass der Laut, der mit einer Situation in Verbindung gebracht wird, von Kultur zu Kultur verschieden sein kann, dies kann man jedoch gerade im DaZ-Unterricht kontrastiv einbringen . Die Lerner können  bei der Lautbesetzung einer Situation behilflich sein.

5. DaZ-Bezug

Die Lautiermethode ist für deutsche SchulanfängerInnen konzipiert worden. Da es sich jedoch um einen logischen Folgeaufbau handelt (Phoneme zu Graphemen, Grapheme zu Wörtern, Wörter zu Sätzen) bei dem man sehr gut die lauttreue Aussprache üben kann, kann man sie meiner Meinung nach auch als gute Anfangsbasis bei der Alphabetisierung von erwachsenen DaZ-Lernern benutzen.
Man kann besonderen Wert darauf legen, dass die Lerner von Anbeginn genaues Wissen über Artikulationsorte und -arten durch Fotos, Selbstbetrachtung, etc. erwerben. Besonders bei der Bewusstmachung von Lauten, die in der Muttersprache der Lerner nicht auftreten.
Das Sinnlautverfahren welches die Verbindung zwischen dem Laut und dem Buchstaben herstellt, stellt eine gute Verknüpfungsmöglichkeit zur phonetisch korrekten Aussprache  dar.

 

1 Der Lerner buchstabiert ein Wort so lange, bis er sich die exakte Zeichenfolge eingeprägt hat. Die Methode gilt als mangelhaft, weil die Buchstaben mit ihrem Eigennamen und nicht mit ihrem Lautwert ausgesprochen werden, z. B. „Ha, u, en, de“ für „Hund“.

Literatur:

Bosch, Bernhardt (1961) Grundlagen des Erstleseunterrichts, Ratingen : Henn-Verlag
Gümbel, Ruth (1993) Erstleseunterricht, Frankfurt am Main: Cornelsen Scriptor
Heuß, Gertraud E. (1993) Erstlesen und Erstschreiben, Donauwörth: Auer-Verlag
Pöschel, Josef F. (1949) Der Unterricht in der Volksschule, Graz: Leykam-Verlag
Schenk, Christa (2002) Lesen und Schreiben lernen und lehren, Hohengehren: Schneider-VerlagReisinger, Hanna (2004) Lautieren im Unterricht In: Alphablicke, 2004, 4. Kapitel, http://www.sprachenzentrum.info/dox/alfablicke_reisinger.pdf (letzter Zugriff 24.6.2007)
Ritter, Monika (2004) Über Buchstaben und Ohren In: Alphablicke, 2004, 5. Kapitel, http://www.alfazentrum.at/dox/artikel_ohren.pdf (letzter Zugriff 24.6.2007)